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Gemeinsinn. Solidarität. Respekt. Alles „Werte“ einer Kindheit als Jungpionier. Doch heute sollen in "Ostdeutschland" nur noch Bürger*innen leben, die mit drei Adjektiven beschrieben werden können: Wütend. Undankbar. Rechts.

Es ist an der Zeit, sich dem Thema zu nähern: frei von Vorwürfen. Frei von Schuld. Dafür in Ölfarbe und Rost, auf Leinwände gepresst.

36 Jahre nach der Deutschen Einheit.

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Immer wieder taucht sie auf, die innerdeutsche Grenze, zum Beispiel beim Anteil an Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik, Kultur, Medien oder Militär, Hauptsitze von DAX-Unternehmen, Höhe von Vermögen und Erbschaften, Grundbesitz, Immobilien, Beschäftigungen im Niedriglohnsektor, Frauenanteil, Parteizugehörigkeit ...

und einem unübersehbaren Wahlverhalten.

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Spurensuche

Mein Leben lang werde ich mich an die allgegenwärtige Unsicherheit der Nachwendezeit erinnern: In nahezu jeder Familie waren Kurzarbeit, Umschulungen, Kündigungen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) oder die Anerkennung von Fachkompetenzen ein Thema. In den „neuen Ländern" begann die soziale Marktwirtschaft nicht nur mit den erhofften Freiheiten, sondern auch mit der Entlassung von Millionen Menschen.

 

Meine Eltern und einige Lehrer wirkten überfordert und gekränkt. Ihre Unsicherheit war so stark, dass sie an mich weitergegeben wurde, ebenso wie ihre wundervollen Geschichten über das Glück eines Neubeginns und das Ende dieser Diktatur.

 

Vielleicht ist es der Mix aus den Erfahrungen zweier Systeme, der meine Generation einzigartig macht: Wir sind in der DDR aufgewachsen und lebten später in einem Land, dessen Werte wir auch schnell begriffen. Deshalb könnten wir emphatisch erklären, welche Leistungen die Ostdeutschen vollbrachten. Mein Versuch liegt in meinen Bildern.

Der rostigbraune Nagel

Wenn diese Ausstellung zu Gast ist, erzählen Menschen aus den östlichen Bundesländern immer wieder davon, wie einschneidend es ist, wenn die eigenen Kompetenzen abgewertet werden, wenn das Leben davor nicht mehr zählen darf. Aber es gab ein Leben, das Anerkennung verdient. Es war nur verschwunden. Die DDR hörte auf zu existieren, die Menschen nicht.

Millionen Ostdeutsche erlebten diesen nie dagewesen Umbruch als einschneidend und waren gezwungen, sich neu zu erfinden. Das gelang ihnen. Sie bauten ihr Leben neu auf und konnten über die Jahrzehnte eigenen Wohlstand sichern. Möglich, dass durch die Erfahrung des maximalen Verlustes einige Ostdeutsche anfälliger sind für populistische Haltungen? Gerade, wenn diese Gefahren und einen erneuten Untergang beschwören. Also eine "neue Nachwendezeit".

 

Der Erfolg der AfD in den östlichen Ländern und ihre tiefe Verwurzlung findet hier wahrscheinlich seinen Anfang. Denn die AfD besetzt in den östlichen Bundesländern eine politische Lücke und gibt vor, ein "Sprachrohr des Ostens" zu sein. Zwischen Anklam und Ilmenau, zwischen Eisenhüttenstadt und Sangerhausen, sitzt dieser Nagel tief in der Brust.

Das Jahr 2015

Im Sommer 2015 suchten Hunderttausende Schutz in Europa, unter lebensgefährlichen Bedingungen. Das wusste ich durch meine Arbeit bei Ärzte ohne Grenzen. Von den EU-Außengrenzen erreichten uns fast täglich furchtbare Nachrichten: Am 02. September wurde Alan Kurdi gefunden, ein Dreijähriger aus Syrien, ertrunken im Mittelmeer. Zwei Tage später öffnete Angela Merkel die Grenzen.

 

Ich empfand ihre Geste als bitter nötig und konsequent: Deutschland verhinderte eine humanitäre Krise. Aber in diesem Moment wusste ich für mich, dass diese Art der Politik begleitet werden muss. „Wir schaffen das" galt nicht überall als Signal des Aufbruchs, sondern als Beweis der Entfremdung von „denen da oben".

 

Freunde aus der Region und ich beobachteten, dass im Osten eine Zuwanderung eher als Konkurrenz um den zweiten Platz in der Gesellschaft begriffen wird: „Es reicht nicht für alle.“ Diese erneute Unsicherheit könnte einen Teil unserer Solidarität untergraben haben. Sie rechtfertig aber keinen Rechtsextremismus.

Ostdeutsche und Migranten

Seit Jahrzehnten gehören Ostdeutsche und Migranten zu Deutschland. Gemeinsam machen sie fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Aber beide Gruppen beschreiben häufig ein Gefühl des Fremdseins. Eine Studie belegt dazu Aufstiegskonflikte und eine Abwertung der eigenen Lebensleistungen. Nur Stereotype werden verlässlich bedient.

 

Dabei frage ich mich (oder hoffe viel mehr), ob Ostdeutsche besonders empathisch für die Biografien von Migranten sein könnten?  Welch schöner Gedanke! Immerhin teilen sie einen kleinen Teil ihrer Erfahrungen. Auch sehe ich Verbindungen in der unfassbaren Lebensleistung: Es ist ein Unterschied, ob ich mit wenig in der Hand ins Leben starte oder mit einem hohen Erbe der Eltern und Großeltern.

 

Ostdeutsche könnten deshalb nicht nur verstehen, sondern nachfühlen: Trotz eines massiven Umbruchs suchten und fanden sie Identitäten. Viele Ostdeutsche konnten und wollten sich nicht in der Bonner Bundesrepublik auflösen, sondern entwickelten individuelle Lebensgeschichten. Für die Anerkennung dieser Eigenständigkeit streiten sie.

Was könnte die Zukunft bringen?

Die Basis, auf der wir als Gemeinschaft miteinander diskutieren, könnten wir verbessern: Gefühlt gibt es nur noch ein „dafür" oder ein „dagegen". Die Finanzkrise, die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine verschärften unseren Ton massiv. Dieser Weg muss enden.

 

Es wird Zeit, dass wir zuhören, auch denen, deren Meinung wir nicht teilen oder deren Haltung wir ablehnen. Wir müssen wieder sehen, welchen Wert unabhängige Medien in einer Demokratie erfüllen und dass nicht alles in wenigen Worten erklärbar ist: Komplexe Themen brauchen komplexe Antworten. Das ist anstregend, auch notwendig.

 

Es braucht in den östlichen Bundesländern mehr demokratisches Organisieren und politisches Engagement. Nicht alles kann „denen da oben" überlassen werden. Nicht alles liegt in „deren" Verantwortung.

Jeder und jede, die gesehen werden will und gestalten möchte, wird gebraucht - mit Respekt, Klugheit und vor allem mit Zuversicht!

In einem gemeinsamen Europa und einem vereinten Deutschland braucht es Ostdeutsche.

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Wanderausstellung 2025

STATION 1

Riegelbau Bestehornpark Aschersleben

(Sachsen-Anhalt)

09. November 2024 bis 06. Januar 2025

STATION 2

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(Sachsen)

15. März 2025 bis 02. Mai 2025

STATION 3

Friedenskirche Frankfurt (Oder)

(Brandenburg)

23. Mai 2025 bis 31. August 2025

FINALE

Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken

(Saarland)

02. Oktober 2025 bis 04. Oktober 2025

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